Kritik an „Chemischem Recycling“ Unsinn mit vielen Namen

Chemische Verfahren zur Verwertung von Plastikmüll sind für die Umwelt katastrophal. Deshalb vermarkten ihre Befürworter sie gerne mit wohlklingenden Fantasienamen. Hier erklären wir, hinter welchen aufgedonnerten Worthülsen am Ende eigentlich doch nur wieder das altbekannte „chemische Recycling“ steckt.

Chemiekonzerne und große Konsumgüterhersteller wollen uns die Rückumwandlung von Plastikmüll in Öl als nachhaltige Zukunftslösung verkaufen. Behörden und NGOs sehen dieses sogenannte „chemische Recycling“  aber extrem kritisch. Der Naturschutzbund NABU etwa wendet ein, die Chemieverfahren verbrauchten Unmengen Energie und seien daher alles andere als ökologisch.
Das Bundesumweltministerium betont, es handele sich nicht mal um echtes Recycling, da im Gegensatz zu mechanischen Verfahren das ursprüngliche Plastik nicht erhalten bleibt.

Auch das Bundesumweltamt (UBA) stellte 2020 noch einmal unmissverständlich klar, was es von chemischen Verwertungsverfahren für Plastikmüll hält: gar nichts. In einem Hintergrundpapier fällt Deutschlands oberste Umweltbehörde ein vernichtendes Urteil: Die eingesetzten Technologien seien unausgereift, der Umweltnutzen wegen des hohen Energieverbrauchs und der gefährlichen Schadstoffe mehr als zweifelhaft. Da auch kein wirtschaftlicher Zweck zu erkennen sei, raten die Autorinnen und Autoren vom Einsatz chemischer Verfahren ab.

Sinnvoller findet das UBA, auf die umweltschonenden Methoden des bewährten mechanischen Recyclings zu setzen und in diesem Bereich die Innovationskraft zu stärken: „Eine Umleitung von Stoffströmen, die bislang im werkstofflichen Recycling verwertet werden, hin zum chemischen Recycling sollte vermieden werden, da zum jetzigen Zeitpunkt davon auszugehen ist, dass die technisch weit weniger aufwendigen werkstofflichen Verfahren ökologisch vorteilhafter sind.“

Die Verschleierungsversuche

Offenbar haben auch Befürworter und Profiteure des sogenannten chemischen Recyclings mittlerweile eingesehen, dass ihr Favorit unter Umweltfreunden, gelinde gesagt, unbeliebt ist. Daher unternehmen sie alles, um ihr eigentliches Tun zu verschleiern. Statt das Kind beim Namen zu nennen, vermarkten sie ihre ökologisch zweifelhaften Verwertungstechnologien mit rhetorischem Budenzauber und futuristischen Kunstwörtern. Die wichtigsten Schummelbegriffe haben wir hier für euch entschlüsselt:

Im September 2020 verkündete der niederländische Chemiekonzern Lyondellbasell stolz die Inbetriebnahme einer neuen Pilotanlage im italienischen Ferrara. Unter dem klingenden Kürzel MoReTec betreibt das Unternehmen dort etwas, das offiziell als „molekulares Recycling“ bezeichnet wird. Mit dieser vermeintlich revolutionären Verwertungsmethode sollen Kunststoffe aus Haushaltsabfällen in ihre chemischen Bestandteile zerlegt und anschließend als Ausgangsmaterialien für neue Plastikprodukte genutzt werden. Für die Aufbereitung werden die Plastikabfälle hohem Druck und großer Hitze ausgesetzt, um die Polymerketten des Kunststoffs für die Wiederverwertung in möglichst kleine Teile aufzuspalten. Klingt nach unökologischem Chemie-Hokuspokus? Ist es auch.

Warum sagen, wie es ist, wenn man stattdessen mit erfundenen Wörtern Verwirrung stiften kann? Für dieses Vorgehen entschied sich der Getränke-Multi Coca Cola, als er 2019 mit großem Tamtam seine recycelten Meeresflaschen präsentierte. Die knapp 300 Musterexemplare bestanden zu 25 Prozent aus Plastikabfall, den fleißige Helferinnen und Helfer an Mittelmeerstränden in Spanien und Portugal gesammelt hatten. Angeblich der endgültige Beweis dafür, dass sich auch achtlos weggeworfener Müll wieder zu hochwertigen Produkten verarbeiten lässt. Entsprechend verpasste die Marketingabteilung von Coca Cola dem eingesetzten Verfahren den Namen „Enhanced Recycling“. Trotz aller Freude an Fantasiewörtern musste man aber offenbar doch einsehen, dass diese „verbesserte Recycling-Technologie“ ein wenig erklärungsbedürftig ist. Daher setze die zugehörigen Pressemitteilung einfach drei Sternchen hinter die ausgedachte Bezeichnung und löste deren Bedeutung an anderer Stelle mit einer schnöden Klarstellung auf: „Chemisches Recycling“.

Deutlich weniger Mühe mit origineller Namensfindung machte sich der deutsche Chemieriese BASF. 2018 startete das Unternehmen gemeinsam mit weiteren Kunststoffherstellern die „Alliance to End Plastic Waste“, um dem Plastikmüll mit sogenanntem „Chemcycling“ zu Leibe zu rücken. Im BASF-Stammwerk in Ludwigshafen werden dafür Kunststoffabfälle mittels Pyrolyse in flüssiges Öl zurückverwandelt, um es als Rohstoff für Basischemikalien zu verwenden. Aus denen könne dann, unter anderem, wieder Kunststoff hergestellt werden. „Mit unserem Chemcycling-Projekt erschließen wir Kunststoffabfälle als Ressource. So schaffen wir Wert für Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft“, erklärt Dr. Martin Brudermüller, Vorsitzender des Vorstands und Chief Technology Officer (CTO) der BASF SE. Allerdings täuschen diese visionären Worte nicht darüber hinweg, dass die Pyrolyse von Kunststoff gewaltige Energiemengen verschwendet und zahlreiche toxische Chemikalien einsetzt.

Auch Deutschlands größter Plastikhersteller Covestro hat einen Weg gefunden, den unliebsamen Begriff „chemisches Recycling“ elegant in den Hintergrund zu rücken. 2019 verkündete der Leverkusener Konzern ein „strategisches Programm“, um „in einem ganzheitlichen Ansatz Zirkularität in allen Unternehmensbereichen zu verankern“. Ein Kernelement beim Aufbau der Kreislaufwirtschaft sei die Schließung des Kohlenstoffkreislaufs durch die Wiederverwertung von Rohstoffen. „Insbesondere gebrauchte Kunststoffe sind eine wertvolle Ressource. Deshalb wollen wir gemeinsam mit Partnern verstärkt innovative Recyclingmethoden entwickeln“, erklärt der Vorstandsvorsitzende Markus Steilemann. Wie genau das gehen soll, verrät er in einem Interview mit dem Magazin CHEManager. Covestro wolle vor allem „das chemische Recycling voranbringen“, heißt es dort. „Weil wir hier unsere Kernkompetenz als Chemieunternehmen sehr gut einbringen können.“

Für Irritationen sorgt auch der Begriff des „lösungsmittelbasierten Recyclings“. Bei diesem Verfahren, auch Solvolyse genannt, werden Kunststoffe durch chemische Lösungsmittel verflüssigt, um Verschmutzungen zu entfernen und vermischte Plastikarten sortenrein zu trennen. Ein solches Verfahren bringt beispielsweise die deutsche Recyclingfirma APK zum Einsatz, die es unter dem Namen „Newcycling“ als revolutionäre Methode zur Verwertung von Verbundkunststoffen vermarktet. Die Verfechter der lösungsmittelbasierten Methode beharren darauf, die Solvolyse sei dem werkstofflichen Recycling zuzurechnen, da anders als bei Pyrolyse, Vergasung oder Verölung die Polymerketten der Kunststoffe nicht zerstört werden. Dass der Prozess typische chemische Verfahren nutzt, bei denen gefährliche, umweltschädliche und teils hochtoxische Lösungsmittel zum Einsatz kommen, spielt in den Augen der Befürworter offenbar keine Rolle.